• Jonathan Litscher

Warum es hier noch keine Mangofabrik gab

Aktualisiert: 5. Feb 2019


Wer die Lago-Region am Niassa-See besucht, kann eine attraktive Geschäftsidee kaum übersehen. In den Dörfern stehen hunderte von riesigen Bäumen mit zahllosen Tonnen von wertvollen Mangos erster Qualität. Man muss sie nur vermarkten. Aber niemand macht etwas damit. Wie ist es möglich, dass eine solche Ressource einfach brach liegt?


Die grossen, dunkelgrünen Mangobäume im Dorf Nkholongue

Ich machte mir keine Illusionen, als ich 2013 mein Projekt startete. Es würde nicht einfach sein. Die Investitionshürden in Afrika waren mir aus dem Lehrbuch wohl bekannt. Bürokratie, schlechte Infrastruktur und politische Instabilität gehören zu den viel zitierten Hemmnissen. Das war alles plausibel. Im Schatten der Mangobäume waren diese Herausforderungen jedoch ziemlich abstrakt. Das wird schon klappen. Konkret wurden die Probleme dann erstmals, als ich meine Firma registrieren wollte.


Bürokratie nach Mosambikanischer Art


Eines von vielen “Geschenken”, das die Portugiesischen Kolonialherren nach ihrem Abzug aus Mosambik zurückliessen, ist eine kolossale Bürokratie. Niemand konnte uns einen klaren Überblick des Prozesses zur Firmengründung geben, also machten wir aufs Geratewohl vorwärts. Wenn auf den Ämtern überhaupt jemand da war, hatten sie keinen Schlüssel zum Aktenschrank, oder der Computer war gerade kaputt. Vielleicht können Sie morgen wieder kommen?

Von der ersten Anmeldung bis zur endgültigen Registrierung unserer Firma verging über ein Jahr.

Wir übten uns in Geduld. Von der ersten Anmeldung bis zur endgültigen Registrierung unserer Firma verging über ein Jahr. Als ich nach dem surrealen Prozess endlich alle nötigen Dokumente im Safe verstaut hatte, konnte ich es kaum glauben. Aber die Schwierigkeiten fingen erst an.


Richtig schlechte Infrastruktur


Vom Provinzhauptort Lichinga zu unserer Fabrik am See führt eine Strasse. Leider ist die zweite Hälfte der gut 100km mehr Schlagloch als Teer. In der jährlichen Regenzeit werden diese zu regelrechten Gruben ausgewaschen. Der Transport unserer Mangos von der Fabrik zum Hafen auf diesen Strassen ist teurer, als der ganze restliche Schiffsexport bis in die Schweiz.


Noch unangenehmer ist es, wenn die Strasse gleich vollständig verschwindet. Vor einem Jahr riss der vom Regen angeschwollen Fluss die einzige Brücke mit, die unser Dorf mit dem Rest der Welt verbindet. Ein improvisierter Fussweg mit langen Baumstämmen war schnell gemacht, aber mit unseren Fahrzeugen konnten wir monatelang nicht zu unserer Fabrik. Glücklicherweise war die Mangosaison gerade vorbei und die Mangos schon exportiert.


Verkehrsbehinderungen auf der A1

Die Infrastruktur für Kommunikation ist dem Transportnetzwerk nur wenig voraus. Eine meiner schmerzhaften Erfahrungen mit dem Handynetz war ein Gesprächsversuch mit einem Ingenieur in Südafrika. Die Elektronik unseres Mangotrockners hatte mitten in der Produktion ein Problem und er musste mir dringend erklären, welche Drähte ich neu verkabeln sollte. Das Handy mit der Schulter ans Ohr geklemmt, versuchte ich seinen Instruktionen zu folgen. Dass seine Stimme klang, wie durch ein Büchsentelefon, linderte meine Verzweiflung nicht gerade.


Politische Instabilität live


2013, als ich mein Projekt gründete, war die Lage in Mosambik gelassen. Natürlich war die Regierung korrupt und das Volk arm, aber es herrschte Frieden. Aus politischer Sicht zeigten sich keine besonderen Risiken, im Land zu investieren.

Die Renamo verkündete offiziell, sie werde inner Monatsfrist den Norden Mosambiks erobern und einen unabhängigen Staat gründen.

Zwei Jahre später ging es rasant bergab. Die Oppositionspartei Renamo begann einen niederschwelligen Guerillakrieg im Zentrum des Landes. Privatautos und Lastwagen wurden wahllos angegriffen auf der Hauptstrasse, die das ganze Land verbindet. Die Nord-Süd Achse wurde geschlossen. Die Renamo verkündete offiziell, sie werde inner Monatsfrist den Norden Mosambiks erobern und einen unabhängigen Staat gründen. Und wir sassen mittendrin mit unserer neugebauten Mangofabrik.


Am Schluss kam es dann doch nicht zur Eskalation. Das Ultimatum lief ab und statt einer Revolution gab es einen obskuren Deal, der irgendwie beide Parteien zufriedenstellte (oder wenigstens die obersten Befehlshaber). Glücklicherweise konnten wir durch die ganze Krise hindurch weiterarbeiten. Aber sie zeigte uns eindrücklich, wie riskant es doch ist, in einem so instabilen Land wie Mosambik langfristige Projekte aufzubauen.


Damit umgehen


Erstickende Bürokratie, schlechte Infrastruktur und politische Instabilität halten viele Unternehmer davon ab, überhaupt in Ländern wie Mosambik zu investieren. Darum gibt es kaum Projekte wie unsere in der Region. Und darum wiederum bleiben die lokalen Menschen auf ihrem Potential sitzen, ob es nun Mangos sind oder sonst ein Reichtum, und bleiben arm.


Was soll man dagegen tun? Wie kann man einen bürokratischen Apparat abbauen, der jedes lokale Engagement zur Sisyphusarbeit macht? Wer soll öffentliche Infrastruktur bauen, wenn es der Staat weder kann noch will? Und was soll man unternehmen, um in einem Land den Frieden zu wahren, in dem jederzeit die nächste Krise ausbrechen könnte?


Trotz allem versuchen wir, an einem kleinen Ort etwas zu verändern für die Leute

Als Einzelner wahrscheinlich überhaupt nichts. Aber die Leute einfach sich selbst zu überlassen, ist nur eine mögliche Konsequenz. Eine andere ist es, trotz der Hindernisse das Mögliche zu tun. Das ist der Weg, den wir gewählt haben. Wir arbeiten direkt mit den einfachen Leuten zusammen, die für all die Schwierigkeiten überhaupt nichts können. So versuchen wir, an einem kleinen Ort etwas zu bewegen. Und das haben wir nie bereut.


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